
Donezk-Tagebuch "Frühstück unter Bomben": 1. Mai – Trotz Beschuss Zukunft aufbauen

Von Wassilissa Sacharowa
Als ich sechs Jahre alt war, nahm ich an der feierlichen Demonstration zum 1. Mai teil. Ich kann mich sonst an wenig aus der frühen Kindheit erinnern, aber diese Erinnerung ist eine von denen, die noch sehr lebendig in mir ist. Ich weiß noch, wie mein Vater mich auf seinen Schultern trug. Ich hielt mich an seinem Kinn fest und freute mich, dass ich jetzt größer war, als all die Erwachsenen um mich herum. Aus dieser Höhe hatte ich eine wunderbare Sicht – und vor allem konnte ich meine Mutter sehen, die sichtlich gut gelaunt neben uns herging.

Ich erinnere mich an eine fröhliche, ausgelassene Stimmung. Mein Vater trug zusammen mit anderen Männern und Frauen eine riesige Fahne. Was genau darauf stand, weiß ich nicht mehr, aber ich vermute, es war der klassische sowjetische Mai-Spruch "Frieden, Arbeit, Mai" (russisch: Мир, труд, май).
An der Spitze jeder Kolonne schritten die Kriegsveteranen – jene Männer und Frauen, die 1945 den Frieden nach Europa gebracht hatten und denen wir diesen Tag und seine fröhliche Stimmung verdanken.
Die Seite "Kultur des Donbass" (Культура Донбасса) beschreibt den 1. Mai 1945 in der damaligen Region Stalino (heutige Donbass Region) folgendermaßen:
"Die Bergleute des Kombinats 'Stalinugol' förderten über 75.000 Tonnen Kohle mehr als im Viermonatsplan vorgesehen. Die Hüttenarbeiter unserer Region lieferten dem Land und der Front 3.850 Tonnen Roheisen und 5.220 Tonnen Stahl zusätzlich zum Aprilplan. Die Stickstoffwerke in Stalino und Gorlowka erbrachten eine überplanmäßige Produktion im Wert von 500.000 Rubeln."
Heute gibt es solche Feierlichkeiten in Donezk leider nicht mehr – nicht, weil die Menschen diesen Tag nicht mehr schätzen, sondern aus Sicherheitsgründen. Zu gerne hat die ukrainische Armee in der Vergangenheit die öffentlichen Plätze in Donezk bei Feierlichkeiten unter Beschuss genommen.
So etwa am Silvesterabend 2023, als das Zentrum von Donezk mit drei 155-mm-Streumunitionsgranaten und 15 Raketen aus einem Mehrfachraketenwerfer beschossen wurde. Trolleybusleitungen wurden zerstört, das berühmte Hotel "Donbass Palace" getroffen, ebenso ein Kinderfreizeitzentrum – ausschließlich zivile Ziele. Nur eine Woche später, in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar 2024 (Orthodoxes Weihnachten), setzten die ukrainischen Streitkräfte HIMARS-Raketen ein. Sie trafen das städtische Krankenhaus und Wohnhäuser. Insgesamt feuerte die von westlichen Waffen unterstützte ukrainische Armee während der Winterfeiertage 230 Mal auf Donezk. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben, dreizehn wurden verletzt, darunter ein Kind.
Trotz allem wurde die Hoffnung der Menschen in Donezk und Lugansk nicht zerstört. Im Gegenteil: Sie zog sich heute spürbar durch die ganze Stadt.
Immer mehr öffentliche Einrichtungen wurden in den letzten Jahren renoviert. Das staatliche Unternehmen "Autodor" setzt die Instandsetzung der Straßen im Donbass konsequent fort. In der Donezker Volksrepublik sind bereits rund 100 Kilometer fertiggestellt, in diesem Jahr sind weitere etwa 800 Kilometer geplant.
Auf dem Gelände des größten Jugendzentrums der Region pflanzten Studenten Rosen und legten die "Allee der Arbeit" an. Selbst der Bürgermeister von Donezk, Alexei Kulemsin, und der Vorsitzende der Regierung der DVR, Andrei Tschertkow, packten mit an. "In solcher Gesellschaft an der frischen Luft zu arbeiten, ist ein wahres Vergnügen!", sagten sie.
Aktivisten der Partei "Gerechtes Russland" führten im Kiewski-Bezirk (ein oft bombardierter Stadtteil im Zentrum von Donezk) eine großangelegte Aufräumaktion durch: Sie entfernten abgestorbene Bäume, pflegten die Rasenflächen und entsorgten den gesammelten Müll.
Die Menschenrechtsbeauftragte der DVR, Daria Morosowa, die vor allem durch ihren Einsatz beim Gefangenenaustausch bekannt ist, schrieb auf ihrer offiziellen Seite:
"Liebe Einwohner der Donezker Volksrepublik!
Ich gratuliere euch von ganzem Herzen zum Tag des Frühlings und der Arbeit!
Dieser Feiertag mit seiner reichen Geschichte symbolisiert die Einheit und den Zusammenhalt unseres Volkes, unser Streben nach Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand. […] Heute, in dieser schwierigen, aber entscheidenden Zeit, erhält eure Arbeit eine besondere Bedeutung. Jeder, der durch Beharrlichkeit und Können den Sieg näherbringt, das Zerstörte wiederaufbaut, sät und erntet, unterrichtet und heilt – verdient tiefsten Respekt."
Heute spürt man in Donezk den Zusammenhalt buchstäblich in der Luft – wie eine unsichtbare Kraft, die den Menschen den Glauben einflößt, dass ihre vom Krieg gezeichnete Heimat stärker als je zuvor wiederauferstehen wird.
Obgleich die Nachricht über einen erneuten Brand auf der Ölraffinerie in Tuapse den Tag betrübt. Zu sehen, wie sich die Journalisten in Deutschland darüber freuen, dass es den rund 140 Millionen Menschen in Russland schlechter gehen könnte, ist enttäuschend. Aber das ist wohl ein Thema für einen anderen Artikel.
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